Begegnungsmedizin

Begegnungsmedizin¹: Würdevolle Arbeit mit Menschen²

Mehrere hundert unterschiedliche Psychotherapieansätze bzw. -schulen haben sich nach Entwicklung der Psychoanalyse durch S. Freud etabliert. Allen gemeinsam ist die Beziehung, die Patient und Therapeuten zueinander aufzubauen vermögen. Carl Rogers, der Begründer der Gesprächspsychotherapie nannte drei Hauptvariablen, die in einem Gespräch für die Grundhaltung eines Therapeuten bedeutsam sind: Empathie, bedingungsloses Akzeptieren und Verbalisieren emotionaler Erlebnisinhalte. Auf diese lässt sich eine Beziehung aufbauen, in der ein Patient nachreifen kann. Damit dieses Reifen nachhaltig und möglichst von Dauer ist wird es permanent reflektiert. Dadurch wird der Prozess der Veränderung, der Reifung, transparent gemacht und wird übertragbar auf andere Beziehungen.  

„Wenn in der Arbeit mit Menschen Schamgefühle auftauchen, ist es wichtig zu wissen, dass dies nicht irgendein Gefühl ist, sondern ein ganz existentielles, das lebens- und menschheitsgeschichtlich an den Anfang, an den Kern des Daseins rührt.“³

Die individuelle Verarbeitung von Situationen gilt es unbedingt ins Auge zu fassen. Wie ein Mensch eine Situation verarbeitet, liegt nicht allein in seiner Hand. Wie wurde das von ihm Erlebte in der Familie erlebt? Wie blicken seine Freunde und Freundinnen darauf? Wie andere wichtige Bezugspersonen? Welche Bedeutung erhält Erlebtes und die damit verbundenen Gefühle in der aktuellen Begegnung im Hier und Jetzt? Wie wird mit Fehlern umgegangen? Gibt es eine sogenannte Fehlerkultur bspw., welche in einem Fehler die Herausforderung und Chance erkennt, diesen künftig frühzeitig zu erkennen und zu vermeiden? Nobody is perfect! 

Es war der sehnlichste Wunsch der Mutter, dass ihre Kinder eine möglichst gute Schulausbildung mitbekamen. Während das erste Kind, ein Mädchen, unheimlich gerne ins Internat ging, litt der Sohn unter großem Heimweh. Obwohl beide ähnlich intelligent waren, gelang es ihr, gute Leistungen zu erbringen, wohingegen er die achte Klasse wiederholen und nach der zehnten Klasse das Internat verlassen musste. Von zuhause konnte er, jetzt alt genug dazu, mit dem Zug und Bus zum Gymnasium fahren und machte ein sehr gutes Abitur! Das Heimweh, das er während der gesamten Internatszeit erlebt hatte, begleitete ihn bis ins Alter. 

In dem Fallbeispiel wird deutlich, wie destruktiv und entwicklungs- bzw. leistungsbehindernd es sich auswirken kann, wenn ein Kind nicht gehört und seinen Emotionen nicht ausreichend Bedeutung beigemessen wird. Trotz sozialem Engagement, in dem er anderen das Maß an Aufmerksamkeit und Gefühl von Zugehörigkeit geben konnte, dass er selbst gerne erfahren hätte, schloss er nur sehr spät Freundschaften, erlebte viel innere Einsamkeit, die viel Kraft kostete. Glückliche Umstände bewirkten, dass er sich beruflich und privat gut weiterentwickeln konnte. 

In der Behandlung von anorektischen jungen Frauen, die mindestens zehn Jahre erkrankt waren, fand ein norwegischer Forscher namens Andersson heraus, dass diese vielfach zu früh von zuhause ausgezogen sind, noch bevor sie psychosozial reif dafür waren. In den Gesprächen mit der Familie imponierte eine große Sprachlosigkeit bzgl. des fehlenden Erkennens und Verbalisierens von emotionalen Erlebnisinhalten und Bedürfnissen im Umgang mit der Tochter. Das Funktionieren, das Essen stand im Fokus der Aufmerksamkeit. Es wurde von den Therapeuten mit der Familie vereinbart, dass die Eltern regelmäßig zu Paargesprächen und die Tochter zu Einzeltherapien kamen. Zwischendurch wurden auch gemeinsame Familiengespräche geführt. Wenn es gelang, dass die Themenpalette des gemeinsamen Gesprächs sich vergrößerte, diese bedürfnisorientierter und emotionaler geführt wurden und man den anderen mehr wahrnahm, konnte es gelingen, die sonst als ausweglos beschriebenen schweren und langwierigen Verläufen sowie die Suizid- und Sterberate der Magersüchtigen zu senken. Sprechenden Menschen kann geholfen werden! 

„Missachtungen sind so schmerzhaft, weil ein unverzichtbares Grundbedürfnis verletzt wird: das nach Anerkennung. Ohne Anerkennung geht der Mensch zugrunde wie eine Pflanze ohne Sonnenlicht.“ 4

Leistungsversagen lässt sich im Einzelfall auf verletzte unberücksichtigte Scham zurückführen. Ein die Würde des einzelnen beachtender therapeutischer Kontext hilft, in einem achtsamen respektvollen Umgang miteinander wieder Selbstvertrauen aufzubauen und sich lebendig im Kontakt mit anderen zu erleben.

*Bei den genannten Themen handelt sich um konstruierte Fallgeschichten.
[1] Hagemann W.: Begegnungsmedizin – Perspektiven für eine systemische Psychosomatik. Vandenhoek&Ruprecht 2020
[2] Marks S.: Die Würde des Menschen ist verletzlich – Was uns fehlt und wie wir es zurückgewinnen. Patmos-Verlag, 2. Auflage
[3] Marks ebd. S. 32f
[4] Marks ebd. S.48

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Veröffentlicht am: 11. Januar 2023

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